Von
der Kurzgeschichte zum Roman
Ich habe den Eindruck gewonnen, daß für viele Autoren von
Kurzgeschichten die Form des Romans das ist, was man im
Fußball einen Angstgegner
nennt.
Unvergeßlich wird mir ein kurzes Gespräch am Rand eines
Schreibseminars bleiben, in dem jemand meinte, es sei kein
Problem für ihn, jede Woche eine Kurzgeschichte zu
schreiben, aber einen Roman...? Nein. Ganz unvorstellbar.
Als ich daraufhin anmerkte, daß er, selbst wenn diese
wöchentliche Story nur sechs Seiten Umfang erreichen
sollte, damit in einem Jahr auf dreihundert Seiten Text
käme, den Umfang eines durchschnittlichen Romans also,
hielt er kurz inne - verblüfft, wie mir schien -,
schüttelte dann aber entschieden den Kopf und bestand
darauf: »Trotzdem. Ich kann das nicht.«
Wohlgemerkt: Die Kurzgeschichte ist eine achtbare
literarische Form, die viele bewundernswerte Texte
hervorgebracht hat und hervorbringt. Das bestreite ich
keineswegs. Ich will andererseits auch nicht verhehlen, daß
für mich der Roman die Königsdisziplin ist. Und wie immer
man das sehen mag: Romane sind das, was Leser heute lesen
wollen. Egal, ob Hemingway seine Karriere mit
Kurzgeschichten begründet hat oder nicht - das war vor
achtzig Jahren. Man frage sich nur einmal, wie viele
Kurzgeschichten in den letzten zehn Jahren öffentliche
Diskussionen ausgelöst haben. Hmm? Mir fällt spontan gar
keine ein. Und dann vergleiche man das mal mit der Wirkung
von Romanen: Der
Schwarm...
The
Da Vinci Code...
Harry
Potter...
Noch Fragen?
Man kann darüber diskutieren, warum das so ist. Ich denke,
es hat vor allem mit der heutigen Mediendichte zu tun. Die
alten Zeiten, als viele Leute nur die Bibel und die Zeitung
lasen, sind nicht vergleichbar mit dem Overkill, dem wir
heute ausgesetzt sind: Cineplexe, DVDs, Fernsehreportagen,
flimmernde Werbung in U-Bahnen, Internet im DSL-Tempo, SMS,
Zeitungen, Zeitschriften und hunderttausend
Buchneuerscheinungen pro Jahr. Ich denke, der Roman ist, so
der Zeitgenosse überhaupt noch liest, deswegen gefragt,
weil er eindrücklicher
ist
(oder zumindest sein kann) als die Kurzgeschichte. Für den
modernen, mediengesättigten Leser ist die einfach viel zu
schnell vorbei.
Tatsächlich denke ich, daß ein geübter Kurzgeschichtenautor
auch imstande sein sollte, einen Roman zu
bewältigen.
Der
grundlegende Kniff liegt auf der Hand: Man nehme die
gesamte
Geschichte, zerlege sie in handliche Szenen und schreibe
jede
davon ungefähr so, wie man auch eine Kurzgeschichte
schreiben
würde. Der Rest ist nur eine Frage der Zeit und des
Durchhaltevermögens.
Ist es wirklich so simpel? Nicht ganz. Ein Roman ist nicht
einfach nur umfangreicher, und er ist auch nicht einfach
nur eine Aneinanderreihung von Szenen. Was gilt es also
über den reinen Umfang hinaus zu bewältigen?
1. Die Idee, die einen Roman trägt, ist »größer« als die
einer
Kurzgeschichte.
Ähm... geht es ein bißchen genauer, Herr Eschbach?
Versuchen wir es. Folgender Selbstversuch: Man lese eine
Kurzgeschichte und versuche, sich vorzustellen, sie wäre
viel länger. Würde sie dadurch gewinnen oder verlieren?
Eine gute Kurzgeschichte wird in der Regel
verlieren.
Sie lebt von ihrer Kürze und Prägnanz und von einer Pointe,
die gern auch mal darauf verzichten darf, allzu weit
nachzufragen.
Ein Beispiel: Aliens landen, nehmen Kontakt zu der auf der
Erde dominierenden Spezies auf - und im letzten Absatz
stellt sich heraus: Sie reden mit einem Auto.
Für eine Kurzgeschichte wäre das okay und lustig. Ein Roman
dagegen müßte erklären, wie die Aliens überhaupt auf diese
Einschätzung kommen, müßte erzählen, was geschieht, wenn
das Auto nicht antwortet, und so weiter... und irgendwie
hört sich das nicht wie ein rasend interessanter Stoff an.
Etwas anderes wäre die Idee, zu schildern, wie erste
Funksignale aus dem All aufgefangen werden, sich
geheimnisvolle Flugkörper der Erde nähern, um in sicherer
Distanz zu verharren - und wie sich das auf das Denken und
Fühlen der Menschen weltweit auswirkt. Eine Kurzgeschichte
wäre damit vermutlich überfrachtet. Einem solchen Stoff
dürfte die Weite des Romans eher angemessen sein.
Könnte? Vermutlich? Es mag trösten, daß sich auch Profis
bisweilen in der Einschätzung irren, was eine bestimmte
Ausgangsidee hergibt. So soll Thomas Mann seinen
»Zauberberg« - eines seiner umfangreichsten Werke -
begonnen haben in der Annahme, eine Kurzgeschichte zu
schreiben.
2. In einer Kurzgeschichte geht es um eine Idee, in
einem
Roman
um das Schicksal einer Figur.
Ein Roman schildert, grob gesagt, ein Ereignis, das das
Leben der Hauptfigur teilt in ein »davor« und »danach«.
Wobei das je nach Genre eine Heldentat sein kann, eine
Katastrophe oder einfach die Begegnung mit dem künftigen
Partner.
In einer Kurzgeschichte dagegen sind die Figuren mehr oder
weniger nur Ausführende der Grundidee, Akteure des
Schlußeffekts, auf den hin alles angelegt ist. Selbst die
Hauptfigur wird man nur auf eine wesentliche
Charaktereigenschaft reduzieren. In der Kurzgeschichte
zählt nur die eigentliche Handlung.
Hier haben wir ein wesentlich trennschärferes Kriterium. Es
erlaubt auch einige Rückschlüsse darauf, was ein
Kurzgeschichtenautor anders machen muß, wenn er einen Roman
anpacken will: Vor allem muß er die Frage nach der Handlung
erst einmal beiseite tun und sich ausführlich mit den
Figuren befassen - ausführlicher, als eine Kurzgeschichte
es erfordern würde.
Man frage sich: Wessen
Geschichte ist das? Für welche der Figuren,
die
mir vor Augen stehen, ist
diese
Geschichte der
bedeutendste
Wendepunkt im Leben? Welche Figur wird vor die
größte
Herausforderung gestellt? Das ist
die Hauptfigur.
3. Das »Personal« eines Romans ist in der Regel
umfangreicher,
oft auch der Zeitrahmen, in dem sich die Handlung
abspielt.
In einer Kurzgeschichte ist nicht viel Platz für Figuren.
Man beschränkt sich auf die nötigsten Akteure, und selbst
diese werden nur grob skizziert.
In einem Roman handeln meist wesentlich mehr Charaktere,
die man im Lauf der Lektüre auch eingehender kennenlernt.
Mehrere verschiedene Perspektiven sind nicht selten. Selbst
Nebenfiguren werden plastisch und spielen oft für die
Handlung eine wesentliche Rolle.
Tatsächlich hat in einem Roman idealerweise jede Figur ihre
eigene, mehr oder weniger dramatische Geschichte. Eine
Nebenfigur wirkt lebendiger, wenn man als Leser das Gefühl
bekommt, daß sie seit dem letzten Mal, als sie in der
Handlung auftauchte (vielleicht hundert Seiten vorher),
nicht einfach bloß im Schrank gestanden hat.
Allerdings sollte man es nicht übertreiben. In dem einen
Roman von Elisabeth George, den ich fast bis zur Hälfte
geschafft habe, läßt die Autorin in einer Wirtschaft eine
Kellnerin an den Tisch treten, schildert dann auf etlichen
Seiten deren Kindheit Werdegang und Lebenssituation - um
sie dann nie wieder auftauchen zu lassen!
Das
ist
übertrieben.
Doch die Kindheit, der Werdegang und die Lebenssituation
der Hauptfigur zu Beginn der Geschichte: Das alles sollte
dem Autor völlig klar sein. Das Gleiche gilt für eventuelle
Gegenspieler, Gefährten und sonstige zentrale Rollen.
4. Ein Roman braucht eine ausgefeiltere Welt als für
eine
Story genügt.
In einer Kurzgeschichte wird die Welt, in der sie spielt,
nur in groben Strichen angedeutet. Jedes Wort zählt in
einem kurzen Text, und man wird danach trachten, keines
davon an entbehrliche Beschreibungen zu vergeuden.
Was den Vorteil hat, daß man als Autor die betreffende Welt
auch nur umrißhaft zu kennen braucht. Eine staubige Straße
im öden Niemandsland, eine rostige Zapfsäule, ein
flackerndes Budweiser-Schild:
Fertig ist die einsame Tankstelle irgendwo in Arizona, USA.
Man muß nicht dort gewesen sein; das Fernsehen hat den
Leser ausreichend vorgeprägt, um entsprechende Bilder zu
evozieren. Ehe die Kulisse als solche erkannt wird, ist die
Story schon zu Ende.
Wollte
man dagegen einen Roman an einem solchen Schauplatz spielen
lassen, müßte man mehr darüber wissen: Wer arbeitet in so
einer Tankstelle? Wo wohnt er, wenn er nicht arbeitet? Hat
die Tankstelle nachts geöffnet? Was für Leute kommen
vorbei? Was verkauft man denen außer Benzin noch? Was
passiert, wenn mal was passiert? Und so weiter.
Der Autor muß die Welt seines Romans im Detail kennen - sei
es, daß er sie erfindet, sei es, daß er recherchiert, sei
es, daß er sie ohnehin kennt. (Ehemalige Anwälte, die
Gerichtsthriller schreiben, müssen nicht viel
recherchieren. Ehemalige Versicherungsvertreter, die
U-Boot-Thriller schreiben, dagegen schon.)
5. Ein Roman hat neben der »internen« Struktur der
einzelnen
Szenen auch eine übergeordnete Struktur, einen
Spannungsbogen auf
oberster Ebene gewissermaßen.
Man kann das mit dem Verlauf der Außentemperaturen
vergleichen: Ein Tag beginnt in der Regel kühl, wird gegen
Mittag wärmer und abends wieder kalt. Doch gleichzeitig
sind diese kleinen Temperaturkurven dem Wechsel der
Jahreszeiten unterworfen und werden sich im Sommer auf
höherer Ebene abspielen als im Frühling.
So hat idealerweise jede Szene eines Romans einen eigenen
Spannungsverlauf und einen eigenen, kleinen Höhepunkt.
Dennoch bauen auch die Szenen eines Romans aufeinander auf
und schaffen eine Gesamtspannung, die auf einen
übergeordneten Höhepunkt zuläuft.
Der Kurzgeschichtenautor ist es gewohnt, mit Worten sparsam
umzugehen, weil in kurzen Texten jedes davon zählt. Das ist
eine gute Angewohnheit, von der er auch im Roman (wo das
einzelne Wort tatsächlich weniger Gewicht hat) nicht lassen
sollte. Er wird es jedoch als Erleichterung empfinden, daß
eine Romanszene, anders als eine Kurzgeschichte, auf
vorangegangenen Szenen aufbauen kann: Von einer Szene wird
nicht verlangt, daß sie allein
stehen
können muß. Figuren, die schon eingeführt sind, und
Ereignisse, die schon dargestellt wurden können als bekannt
vorausgesetzt werden. Die Last, Welt und Figuren rasch und
unauffällig einzuführen, entfällt bei fast allen Szenen
außer der ersten, und die entsprechende Mühe kann mit
Gewinn darauf verwendet werden, den jeweiligen
Schauplatz
plastisch
zu gestalten.
Ein schönes Anschauungsbeispiel hierfür bietet Joanne K.
Rowling in Harry
Potter
und
der
Halbblut-Prinz:
Die erste Szene (mit dem britischen Premierminister) ist
beinahe eine Kurzgeschichte für sich. Die zweite Szene baut
ein wenig auf Bekanntem auf, ist aber ebenfalls weitgehend
in sich geschlossen. Jede Szene endet jedoch mit einer
Andeutung, daß da noch mehr kommt: Das schafft Spannung,
indem es auf die übergeordnete Geschichte des Romans
verweist.
6. Beim Schreiben eines Romans sind Phasen, in denen man
sich
der Sache nicht gewachsen fühlt, normal, ja
unvermeidlich.
Bei einer Kurzreise übers Wochenende kann alles glatt
gehen, doch kein Mensch würde erwarten, daß eine
zehnmonatige Weltreise ohne Probleme und dramatische
Momente verläuft: Auch von dem Vorhaben, einen Roman zu
schreiben, sollte man das nicht erwarten.
Auf halbem Wege verzweifelt vor einem halben Manuskript zu
sitzen und nicht mehr weiter zu wissen ist keineswegs ein
Beweis dafür, daß man sich mit einem Roman übernommen hat,
sondern völlig normal. Und genau so, wie man die Probleme
mit dem Reisepaß im tiefsten Burma irgendwie bewältigt, wie
man sein verschwundenes Gepäck auf dem Flughafen von Manila
wieder aufstöbert, sich auf Hawaii nach dem Krach mit dem
Partner wieder versöhnt und zuguterletzt heil zuhause
ankommt - genau so tut man bei seinem Roman eben, was man
kann, um bis zum Wörtchen ENDE zu gelangen.
(Einen Unterschied zur Reise allerdings gibt es: Bei einer
Reise ist der Weg das Ziel: Was in dem Moment des Erlebens
Drama war, wird im Rückblick zur Anekdote. Bei einem Roman
dagegen ist das Ziel ein Text, dem man eventuelle Dramen
bei der Entstehung nicht mehr anmerkt. Ich erwähne das nur,
damit niemand auf die Idee kommt, Schwachstellen mit
Hinweis auf diesen Vergleich zu entschuldigen nach dem
Motto: »Diese Szene ist mißlungen, ich weiß, aber ich hab
sie an dem Tag geschrieben, an dem mich meine Freundin
verlassen hat«. Das wollen wir nicht wissen! Wir wollen die
verbesserte Fassung!)
Natürlich kann man trotz allem mit seinem Roman scheitern.
Das ist keine Schande. Aber einen Roman schreiben zu wollen
und sich nur von der Angst vor dem Scheitern davon abhalten
zu lassen (Und man hätte keine Angst, wenn man es nicht
wollte! Wenn man es nicht wollte, würde einen das Thema
einfach kalt lassen) ist etwas, das man am Ende seines
Lebens bedauern wird.
Man muß es versuchen, um zu wissen, ob man es kann. Und die
Chancen, daß es ein Abenteuer wird, das das Leben eines
Autors, der bis dahin nur Kurzgeschichten geschrieben hat,
in ein »davor« und »danach« teilt, stehen gut.
(c) Andreas Eschbach
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