Ins fahle Herz des Sommers
Roman
von
Andreas Eschbach
Die untergehende Sonne sah immer aus wie die Flamme eines titanischen Schweißbrenners, der irgendwo weit im Westen versuchte, den Himmel von der Erde zu trennen. Erst wenn er das schließlich aufgab, wurde es dunkel, und dann atmete das Land die Hitze wieder aus, die es im Lauf des Tages hatte aufnehmen müssen, sodass die Nacht kaum weniger heiß war als der Tag. An Schlaf war bis lange nach Mitternacht nicht zu denken.
Um die Vollmondnächte herum schlief Fausto ohnehin nicht. Nur wenn der Mond groß am Himmel hing und die nachglühende Landschaft mit seinem fahlen, kränklichen Licht berieselte, konnte man es wagen, zu den richtig großen Touren aufzubrechen. Und nur die lohnten die Mühe noch.
Ganz voll war der Mond nicht, ein schmaler Streifen am linken Rand fehlte noch, aber er schien hell genug. Heute Nacht wollte Fausto nach Saint-Aumarec, das etwa fünfundfünfzig Kilometer entfernt lag. Eine gute Strecke.
Den Nachmittag hatte er damit verbracht, sein Fahrrad zu überprüfen, alles zu reparieren, was defekt war, und alles zu schmieren, was geschmiert werden musste. Irgendetwas war immer reparaturbedürftig, meistens die Reifen. Auch in der Nacht waren die Straßen zu heiß, als dass es dem Gummi gutgetan hätte, und die Ersatzreifen, die er hier und da noch fand, waren in aller Regel vertrocknet und auch schon brüchig von der Hitze. Die zudem oft kleine Steine zerspringen und zu scharfkantigen Splittern werden ließ. Also hieß es, stets Flickzeug und eine Luftpumpe dabei zu haben. Und einen Ersatzschlauch.
Wichtig waren außerdem die beiden Körbe aus Metall. Einer vorne am Lenker, einer hinten auf dem Gepäckständer, jeweils mit einem Sicherungsseil für die erbeuteten Sachen. Überdies trug er einen Rucksack, wenn er auf Tour ging, das lohnte sich dann schon. Auf der Hinfahrt nahm er darin Proviant mit, denn meistens wurde er um Mitternacht herum hungrig, aber Proviant, der in seinen Magen wechselte, brauchte anderswo ja keinen Platz mehr. Nur die Wasserflasche, die natürlich das Allerwichtigste war. Doch die ließ sich am Gestänge befestigen.
Als die bleiche Scheibe des Mondes eine Handbreit über dem Horizont stand, brach Fausto auf. Das tat er stets so unauffällig wie möglich. Und er verschloss die Haustür hinter sich. Man wusste nie. Sein Haus war seine Burg, seine Basis, seine Lebensgrundlage. Falls jemand kam und es ihm wegnahm, hatte er ein ernsthaftes Problem.
Draußen war es still, wie immer. So still, wie es früher nie gewesen war. Der Mond tauchte die Landschaft in fahles, silbernes Licht, der schwarze, temperaturlose Himmel tat wohl, war ein Kontrast zu der Hitze, die auch um diese Zeit noch vom Boden ausstrahlte. Erst in den frühen Morgenstunden würde sie ein wenig nachlassen und die Rückfahrt angenehmer machen.
Ein letzter Check, ehe er das Gartentor öffnete. Die Gürteltasche mit dem Werkzeug? War da. Die Taschenlampen? Alle drei. Eine davon hatte er am Gürtel hängen, ein Fund, den er erst vor zwei Monaten gemacht hatte: eine schmale, schlanke Handlampe aus solidem Metall, mit aufladbaren Batterien in Topform – kaum zu glauben, dass man so etwas noch fand. Und doch passierte es immer wieder. Man brauchte die Hoffnung noch nicht aufzugeben.
Er musste ein paar Kakteen mit dem Fuß wegkicken, um das Gartentor öffnen zu können – unglaublich, in welchem Tempo das Zeug nachwuchs! –, dann schob er das Rad hinaus, zog das Tor wieder hinter sich zu. Es gab keinerlei Geräusch von sich. Er hielt die Gelenke sorgsam geschmiert, und an der metallenen Verriegelung hatte er ein schmales Stück Leder so befestigt, dass man sie lautlos schließen konnte.
Fausto holte tief Luft und richtete sich auf die Strapazen ein, die vor ihm lagen. Dann schwang er sich aufs Rad und begann zu treten. Ohne das Licht anzumachen. Noch brauchte er es nicht; außerdem kannte er die Strecke, die vor ihm lag. Unnötig, jemanden auf sich aufmerksam zu machen.
Rasch kam er in Schwung und glitt mit leisem Knirschen in nördliche Richtung davon. Anfangs führte die Straße strikt geradeaus. Das war gut, denn es dauerte immer eine Weile, bis er es wieder raus hatte, den Schlaglöchern auszuweichen. Sobald er den ersten Hügel passierte und vom Dorf aus nicht mehr zu sehen war, schaltete er die Fahrradlampe ein, damit ging es besser.
Zweimal auf und ab, dann die Kreuzung. Hier standen noch Wegweiser, aber die Sonne hatte sie völlig ausgebleicht: Sie waren so schneeweiß, als hätten nie irgendwelche Ortsnamen darauf gestanden.
Fausto bog nach links ab, ohne langsamer zu werden. Die ersten zwanzig Kilometer kannte er alle Wege auswendig. Nur leider waren die Dörfer, die man in diesem Radius erreichte, alle verlassen, und das meiste, was in den aufgegebenen Häusern zu finden lohnte, hatte er vermutlich schon gefunden.
Es wurde immer schwieriger, etwas zu finden.
Nicht darüber nachdenken.
Die Hitze war der Feind. Die höllischen Temperaturen, die entstehen konnten, wenn Sonnenlicht durch ein ungeschütztes Fenster in einen Raum fiel. Häuser brannten ab, nur weil jemand die Vorhänge nicht zugezogen hatte, ehe er gegangen war. Oder gestorben war.
Das Sonnenlicht zerstörte alles. Bleichte Dinge aus. Ließ Lack abblättern, machte Plastik brüchig, brachte Konserven zum Platzen. Das Sonnenlicht war es auch, das die Straßen nach und nach zerstörte, verformte, zerbröselte, mit Rissen übersäte. Das verdammte Sonnenlicht.
Nicht drüber nachdenken. Treten. Die Sonne schien nicht, nur der Mond, der müde, fahle Mond.
Sonnenlicht – und die Zeit. Mit jedem Monat, der verging, wurden die Dinge, die man finden konnte, schlechter. Liefen Haltbarkeitsdaten ab. Oh, die Haltbarkeit von Konserven! Normale Dosen waren schon seit Jahren unbrauchbar. Man musste Häuser von Leuten finden, die sich aus Militärbeständen eingedeckt hatten. Und die Sachen dann doch nicht mitgenommen hatten. Was sie anfangs logischerweise getan hatten. Bis dann die Gepäckmengen begrenzt wurden.
Viele hatte natürlich auch die Seuche erwischt, ehe sie gehen konnten. Klar. Einmal hatte Fausto in einer Arztpraxis eine Kartei gefunden, mit Adressen und allem, Gewicht, Gesundheitszustand, Todesursachen. Wohlgenährte Leute, die an der Seuche gestorben waren: Das waren Adressen, die zu besuchen sich lohnte.
Die ersten Stunden tat es immer gut, einfach zu radeln. Es brachte das von der Hitze dickflüssig gewordene Blut in Bewegung, ließ ihn sich lebendiger fühlen. Die Gedanken klärten sich, vereinfachten sich, beruhigten sich. War er erst einmal aus dem Dorf draußen und unterwegs im Niemandsland, stieg manchmal so etwas wie Zuversicht in ihm auf. Das Gefühl, dass ihm eine ganze Welt gehörte und dass das, verdammt noch mal, doch reichen sollte für ein gutes Leben, oder?
In solchen Momenten geschah alles mühelos: Er trat die Pedale und hörte den Reifengummi sanft schmatzend auf dem heißen Asphalt surren. Das Muster aus Rissen und Löchern kam ihm im Lichtkegel seiner Fahrradlampe entgegen und zog unter ihm weg, während er den tiefen Löchern mit eleganten Schlenkern auswich – ganz einfach, wie von selbst. Manchmal summte er leise vor sich hin, versuchte, sich an die Lieder seiner Kindheit zu erinnern, aber seltsam, ihm fielen keine ein.
Auf dem Rückweg, das wusste er, würde ihm alles wehtun, würde sein Rücken schmerzen und seine Lunge brennen, vom Staub, von der Hitze der Nacht, von der Anstrengung. Er würde die Abzweigungen zählen und die Bergaufstrecken verfluchen. Und zu Hause ins Bett fallen und schlafen bis Mittag, aufwachen mit wattigem Kopf und geschwollenen Beinen, zerschlagen, desorientiert. Bis ihm die Sachen wieder einfielen, die er in der Nacht gefunden hatte, und er sich daranmachen würde, die Beute zu sichten.
Er war schon einmal in Saint-Aumarec gewesen, aber das war lange her. Wie der Ort hieß, hatte er von einem abgewetzten Stück einer Landkarte der Gegend erfahren. Ein kostbarer Besitz, den er zu Hause aufbewahrte, in einem Bilderrahmen unter Glas, weil die Karte so brüchig war. Sicher war sie nicht mehr aktuell. Zum Schluss hatte es ja nur noch Navigationssysteme gegeben; niemand hatte mehr Landkarten gekauft.
Fausto lächelte bei der Erinnerung daran. Diese Geräte hatten sich irgendwie an Satelliten orientiert. Die es wahrscheinlich längst nicht mehr gab.
Endlich kamen die dunklen Umrisse der ersten Häuser näher. Fausto ließ das Rad ausrollen, schwang sich herab, schob es neben sich her, während er die Straßen abging und die Gebäude betrachtete, an die er sich erinnerte. Das letzte Mal war der Ort verlassen gewesen – verlassen, oberflächlich geplündert und danach dem Zerfall preisgegeben. Aber das musste nicht so geblieben sein. Es gab noch viele, die es nicht in den Norden geschafft hatten, mangels Geld, mangels Beziehungen, mangels Glück. Die umherzogen auf der Suche nach einer Bleibe und nach Dingen, die ihnen beim Überleben halfen.
Seltsam. Wie er so die Straße entlangging, befiel ihn das befremdliche Gefühl, beobachtet zu werden. Aber keines der Häuser, das er sah, wirkte bewohnt. Irgendwie spürte man das. Vielleicht, weil sie so still dalagen, so unberührt, von niemandem am Zerfallen gehindert. Jemand, der ein leer stehendes Haus bezog, setzte es instand, sammelte Baumaterial, versuchte, einen Garten anzulegen. Das Mindeste war, Solarzellen aufs Dach zu montieren oder im Vorgarten aufzustellen, oder, wenn ein Haus schon Solarzellen auf dem Dach hatte, sie gründlich vom Staub zu befreien. Ohne Solarzellen kein Strom, ohne Strom kein Kühlschrank und ohne Kühlschrank keine Vorratshaltung. Ohne Strom kein Ventilator. Und so weiter.
Fausto hätte nicht sagen können, woran er die Häuser von Leuten erkannte, die haltbare Vorräte angelegt hatten und dann doch gegangen waren. Lag es daran, dass solche Häuser unauffälliger wirkten als andere, dass sie eine gewisse Solidität ausstrahlten, irgendwie … vernünftig aussahen? Er wusste es nicht. Letzten Endes war es eine Art sechster Sinn. Ein Instinkt, vielleicht..
Ab 27. April 2026:
"Ins fahle Herz des Sommers"
Roman von Andreas Eschbach
Bastei-Lübbe, Köln
ISBN 978-3-7577-0200-7