Zum Tod von Wolfgang Jeschke

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Wäre alles so gelaufen wie geplant, hätten wir uns in drei Wochen auf dem Wetzkon II getroffen, wo er als Ehrengast eingeladen war, der Ehrengast schlechthin zum sechzigjährigen Jubiläum des SFCD, des Science-Fiction Clubs Deutschland. Doch das Schicksal folgt menschlichen Plänen nicht: Vergangenen Mittwoch, am 10. Juni 2015, ist Wolfgang Jeschke, der die Science Fiction in Deutschland geprägt hat wie niemand sonst, im Alter von 78 Jahren gestorben.

Als Schriftsteller wird man oft gefragt, welche Autoren einen beeinflusst haben, und wenn man versucht, darauf zu antworten, fallen einem vor allem Autoren ein, an denen man sich stilistisch orientiert oder denen man nachzueifern versucht hat. So jemand war Wolfgang Jeschke in meinem Pantheon nicht – und doch ist er wahrscheinlich derjenige, der den nachhaltigsten Einfluss auf meinen Weg gehabt hat.

Zuallererst als Autor: Noch heute ist eines der aufwühlendsten Leseerlebnisse, an das ich mich erinnere, jenes, wie mir als Jugendlicher eine Kurzgeschichtensammlung mit allerlei Zeitreisen in die Hände fiel, deren Geschichten so ganz anders waren als die schlichten Weltraumabenteuer, die ich bis dahin gelesen hatte. Erst viele Jahre später ging mir auf, dass es sich bei besagtem Buch um den Band "Der Zeiter" von Wolfgang Jeschke gehandelt hatte – aber da hatte er mir in seiner Eigenschaft als Herausgeber der Heyne-SF-Reihe schon längst die Regale mit diesen vielen Taschenbüchern mit den schwarzen Rücken gefüllt, die in ihrer Gesamtheit wesentlich geformt haben, was ich unter Science Fiction verstehe.

Der entscheidendste Einfluss aber war zweifellos der, dass er mir in einem entscheidenden Moment – als gleich zwei Verlage, darunter sein Heyne-Verlag, meinen zweiten Roman "Solarstation" haben wollten – riet: "Herr Eschbach, Sie brauchen einen Agenten." Und mich an seine Agentur, die Agentur Schlück, weiterempfahl, die mich seither (bestens) vertritt. Wie wichtig und richtig dieser Schritt war, der mir damals von selber bestimmt nicht eingefallen wäre, habe ich erst viel später begriffen. Nochmals danke, Wolfgang.

Ach ja, und als mir eines Tages auffiel, dass in meinen Bücherregalen – die nach Autoren geordnet sind – die Werke von Wolfgang Jeschke so viel Platz einnehmen wie sonst nur noch die von zwei, drei anderen Autoren (und damit mich das niemand fragen muss: diese anderen heißen Stephen King, John Grisham und Allistair MacLean), wunderte mich das nicht wirklich, und auch nicht, dass es ganz unbemerkt passiert war. Irgendwie ist sogar das typisch dafür, wie er gewirkt hat.

Persönlich begegnet sind wir uns nur ab und zu – nicht oft genug –, aber er war trotzdem immer irgendwie da. Und jetzt ist er es nicht mehr.

Es wird eine Weile dauern, bis ich das ganz begreife.

(Das Foto oben entstand 2001 in Stuttgart anlässlich der Vorstellung meines damals bei Heyne erschienenen Romans "Quest", zu der Wolfgang Jeschke eigens angereist ist. Aufgenommen hat es, vermute ich, Peter Fleissner.)